Warum NOCH eine Hunderasse??

Man mag sich fragen, warum und wie es dazu kam, dass sich ein paar Leute so zirka vor 50 bis 60 Jahren dazu durchrangen, den ungeheuren Aufwand, eine neue Rasse zu züchten und offiziell nach allen internationalen Standards anerkennen zu lassen, auf sich zu nehmen.

WARUM nur taten sie sich das an? Gab es nicht schon hunderte, für scheinbar jeden erdenklichen Zweck passgenau gezüchtete Hunderassen?

Das schon, aber sie waren der festen Überzeugung, dass trotzdem noch eine fehlte...

 

Aber der Reihe nach, fangen wir mit dem an, worauf Sie schon beim ersten Googeln stoßen werden:

Der Eurasier ist eine noch immer junge, ursprüngliche und deswegen auch noch nicht "durchgezüchtete" (grausliges Wort!) Rasse.

Die bekannten Folgen dieser auf unbedingte Uniformität abzielenden Zuchtarbeit wie Gelenkprobleme (HD und ED) oder auch genetische Defekte treten deshalb beim Eurasier seltener auf, und auch wichtige Verhaltensweisen wie der Umgang der Hündin mit ihren Welpen laufen deshalb noch sehr instinktsicher ab.

An Farben ist fast alles möglich, da die Rasse nie in abgegrenzten Farbschlägen gezüchtet wurde. Nicht erlaubt sind lediglich weiß, weiß-gescheckt und leberfarben. Das bringt natürlich den Nachteil mit sich, dass man mit jedem Eurasierwelpen ein kleines Überraschungsei bekommt und sich sogar die Nachkommen in einem einzigen Wurf deutlich unterscheiden können.  Aber auf der anderen Seite bekommt man garantiert ein Unikat,  und einen hässlichen Eurasier haben wir noch nicht gesehen!

Sie sind gut erziehbar (auch wenn sie nicht gerade für einen ausgeprägten "will to please" bekannt sind), robuste und langlebige Familienhunde mit einem stark auf ihr "Rudel" fixierten Sozialverhalten. Überaus hübsch dazu, aber das liegt ja auch immer im Auge des Betrachters. ;-) So, das wäre jetzt die Kurzfassung gewesen...

 

Für alle, die ein bisschen mehr Zeit und Interesse mitbringen, versuchen wir den Eurasier näher zu charakterisieren - und das muss mit den Urvätern dieser Rasse beginnen.

Denn will man Wesen und Erscheinungsbild dieser faszinierenden Hunde nicht nur bewundern, sondern auch verstehen, muss man deren Entwicklung vom Beginn her betrachten. 

 

In den 60er Jahren begann der im besten Sinne fanatische deutsche Hundenarr Julius Wipfel auf der Suche nach dem „idealen“ Familienhund sich für die kynologischen Studien des Begründers der modernen Verhaltensforschung bei Tieren, des Österreichers Konrad Lorenz,  zu interessieren und im Austausch mit ihm und anderen Gleichgesinnten eine neue Hunderasse optisch nah am Wolf und mit unkompliziertem, alltagstauglichen Charakter zu züchten.  

Mit einem für einen Hobbyzüchter ungemein ehrgeizigen Zuchtprogramm begann Wipfel damit,  die uralte chinesische Rasse Chow-Chow (blaue Zunge!), die damals übrigens viel ursprünglicher war und im Typ eher heutigen roten Eurasiern ähnelte, mit dem aus Mitteleuropa stammenden Wolfsspitz zu kreuzen.

Deren Nachkommen wurde schließlich noch der sibirische Samojede zugepaart, 

womit sich auch der auf den ersten Blick merkwürdige Name der neuen Rasse erklärt: "Eurasier" ist eine Wortschöpfung aus Europa und Asien, den Herkunftskontinenten der drei Ausgangsrassen.

 

Wie kam es zu dieser Kreuzung dreier zwar allesamt nordischer und spitzartiger, aber nicht nur äußerlich doch sehr unterschiedlicher Hunderassen?

Lorenz und Wipfel hatten sich zunächst aus der Kombination des ruhigen und treuen, aber auch eigensinnigen Chow Chows mit dem wachsamen, aber "bellfreudigen" Wolfsspitz einen auf nur wenige Bezugspersonen geprägten, ausgeglichenen und eben sehr ursprünglichen Hund versprochen. Damit setzten sie einen bewussten Kontrapunkt zu vielen schon damals völlig überzüchteten Rassen, die mit ihrem Stammvater Wolf rein optisch so gar nichts mehr zu tun hatten (und haben!) und die die aus "ästhetischen" Gründen teilweise sehr fragwürdigen Rassestandards (tränende Augen, röchelndes Atmen, unnatürlich geformte Wirbelsäulen usw. ) oft lebenslang mit gesundheitlichen Problemen bezahlen müssen. 

Und sie wollten auch ganz bewusst nicht noch eine weitere "everybody´s darling"-Rasse wie den so lieben und zutraulichen Labrador züchten, der eben auch zu völlig fremden Personen meist lieb und zutraulich sein wird.  Als Wachhund ist er damit unbrauchbar oder wie es Lorenz formulierte:

"Ein Hund, den jeder (einfach so) stehlen kann, kann mir gestohlen bleiben!"

 

In den ersten Jahren des Zuchtaufbaus erschien dieser Ansatz auch erfolgreich, jedoch waren bei den "Wolf-Chows" immer wieder einzelne ruppig-unfreundliche Hunde zum Vorschein gekommen (Feder u.a.), so dass die beiden sich entschlossen, zur Abmilderung dieses unerwünschten Merkmals den Allzweckhund der "russischen Eskimos", den nach diesen benannten Samojeden, zusätzlich einzukreuzen.

Diese sehr robusten und genügsamen, rein-weißen Hunde mit ihrem charakteristischen "Lächeln" dienten jahrhundertelang vielseitig als Wach-, Hüte- (Rentiere!) und Schlittenhunde (weshalb sie noch heute viel "Beschäftigung" brauchen) und waren von so freundlichem Wesen, dass sie als "Fußwärmer" nachts mit in die Jurten ihrer Besitzer durften.

So entstand mit dieser Dreierkombination der auch gegenüber seinen Ursprungsrassen einmalige Charakter der Eurasier: ruhig mit sehr niedriger Reizschwelle, wachsam, seinem "Rudel" treu ergeben und dafür Fremden gegenüber distanziert, aber eben gleichzeitig sehr feinfühlig und empathisch auf die wechselnden Stimmungen "seiner" Menschen reagierend.

Aus unserer bisherigen Erfahrung mit unserer Selma halten wir deshalb das Resümee, mit dem der spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz seine erste eigene Eurasierhündin charakterisiert hat, nicht für übertrieben: 

"Der Hund mit dem besten Verhalten, das ich je erlebt habe."

 

Eine Bemerkung zu ihrem meist schwach entwickelten Jagdtrieb:

Dieser kann nämlich bei starker Ausprägung Hund und Herrchen das Leben schwer machen, wenn man nicht gerade Jäger ist. Entspannte Spaziergänge in Wald und Flur sind so kaum möglich, weil der Hund ständig unter Strom steht, Witterung aufnehmen will und eben nicht "zum Jagen getragen" werden muss.

Keine Frage, Eurasier und ihre Ausgangsrassen sind zwar nie primär auf Jagdeignung selektiert worden, aber Hunde und damit letztlich Raubtiere (über 99 % ihres Erbmaterials sind mit dem des Wolfs identisch!) bleiben sie trotz allem.

Und es gibt natürlich auch unter den Eurasiern deutliche individuelle Unterschiede. Niemand wird für seinen Hund die Hand ins Feuer legen können, egal wie friedfertig er sich auch im Alltag verhalten mag. Aber im Vergleich zu früheren Jagdhunden wie Dackeln, Terriern, Spaniels & Co.  (von "richtigen" Jägern, die unbedingt jagdlich geführt werden müssen, ganz zu schweigen) ist es immer wieder erstaunlich, wie ruhig und abrufbar viele Eurasier auch dann noch bleiben, wenn sie in freier Wildbahn z.B.  auf ein Reh treffen. Und deshalb trauen wir uns auch, Selma im Wald ohne Leine laufen zu lassen, was wir sehr angenehm finden (außerdem dreht sie sich sowieso alle paar Schritte um, um sich zu vergewissern, ob wir noch da sind).

 

Eurasier sind clever und durchaus lernwillig,  aber sie haben in manchen Momenten einfach ihren eigenen Kopf und sehen es dann überhaupt nicht ein, etwas allein deshalb "hündisch" nachzumachen, weil es dem Herrchen eben so einfällt. Stupides Abarbeiten irgendwelcher sinnfreier Übungen, mit denen ihr "Chef" dann in der Hundeschule brillieren kann, wird der Eurasier also wahrscheinlich nicht mitmachen, man kann wie meist im Leben nicht alles auf einmal haben! Dafür ist er auch lange nicht so fordernd wie beispielsweise die herrlichen Australian Shepherds oder die lernbegierigen, superschlauen Border Collies, die wie alle Hütehunde darauf gezüchtet wurden,  anspruchsvolle Aufgaben zu erledigen.

Deshalb sind viele Besitzer von ehemals reinen Hüte-, Arbeits und Jagdhunden, die sich allein aus optischen Gründen für ihre Hunderasse entschieden haben, auch immer wieder am Boden zerstört, wenn die halbtägig alleingelassenen Hunde Unarten entwickeln, die Einrichtung auseinandernehmen oder aggressiv werden, weil sie völlig unterfordert sind und nie wie etwa die Wolfspitze tagelang geduldig Heim und Hof bewachen mussten. (Davon,  dass viele Hunderassen im heutigen Alltag nicht mehr ausleben und zeigen können, wofür sie jahrhundertelang gezüchtet - und auch gnadenlos selektiert! - wurden, lebt mittlerweile eine ganze Armee von sog. "Hundepsychologen", und das nicht schlecht...)

Oder aber man muss eben das Tier mit "agility", "man-trailing" usw. bei Laune halten, damit es im reizarmen modernen Alltag nicht durchdreht. Das muss man wissen und dazu bereit sein, dann kann man auch mit einer solchen Rasse prima leben.

 

Wenn man dagegen zwar Hunde liebt, diese aber im Wesentlichen im Familienleben mitlaufen und dieses zwar bereichern, aber nicht dominieren sollen, fährt man mit den stark territorial geprägten Eurasiern viel, viel besser. Denn sie sind vollkommen glücklich und zufrieden, wenn sie bei ihren Familien sind oder eben auch mal allein zuhause auf ihr Revier aufpassen können - Bewachen ist ihre (einzige wirkliche) Passion! Sie lieben lange Spaziergänge,  liegen aber auch gerne faul unter dem Wirtshaustisch herum und sind überhaupt mit wenig "Animation" zufrieden. Im Internet stößt man diesbezüglich bisweilen auch auf gegenteilige Aussagen (sie bräuchten täglich 2 Stunden lange Spaziergänge usw.), aber nach Aussage vieler anderer Eurasierbesitzer und nach unserer eigenen Erfahrung ist das nicht zutreffend (und lässt sich auch von zumindest zwei der drei Ausgangsrassen nicht ableiten). 

Wohlgemerkt: das soll nicht heißen, dass man sich um Eurasier nicht zu kümmern braucht. Wer sie v.a. als attraktive "Deko" haben will, wird selbst mit dieser sehr genügsamen Rasse nicht zurechtkommen (und sollte sich besser ein Aquarium anschaffen).  Denn Eurasier wollen wie jeder andere Hund ihre Streicheleinheiten, ein gewisses Maß an Beschäftigung und raus in die Natur, aber eben nicht immer und den ganzen Tag.

 

Was wir persönlich sehr angenehm finden: Eurasier haben im Vergleich zu vielen anderen Rassen einen schwachen Eigengeruch und sind sehr reinlich. Auf gut Deutsch heißt das: sie stinken nicht — und das selbst mit nassem Fell!

Abschließend ein weiterer Punkt, der uns bei dieser Rasse gefällt: Eurasier sehen auch im Alter kaum verändert aus und können bei guter Gesundheit relativ alt werden. Oft meint man, ein noch jüngeres Tier vor sich zu haben und hört dann von den stolzen Besitzern, dass der muntere Bursche schon jenseits der 12 Jahre ist. Denn gerade bei vielen größeren Hunderassen sind fitte und gesunde Tiere über 10 Jahre sehr selten.

Das sollte man sich klar machen, wenn es eine imposante Rasse wie Dogge, Berner Sennenhund oder (extrem) Irischer Wolfshund werden soll.  

Mit durchschnittlich 6 bis 8 ist hier alles vorbei. Und: wer einmal mitgemacht hat, wie sehr man darunter leidet, wenn der treue Kumpel stirbt, wird froh darüber sein, dies nicht öfter erleben zu müssen als nötig...

 

P.S.:  

Natürlich gibt es nicht nur Eurasier in der Hundewelt!

Wir selbst hatten auch schon andere prima Hunde (Schnauzer, Mischling) und finden zum Beispiel Boxer gerade bei sehr kleinen Kindern (die gerne gleichzeitig an jedem Hundebein einzeln zerren) einmalig gutmütig.

Nur gefällt uns persönlich halt die Kombination aus Aussehen und Charakter der Eurasier am besten, aber logo: jeder hält "seinen" Hund für das einzig Wahre, und das ist auch gut so!